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Tengrismus
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Tengrismus ist ein Sammelbegriff fĂŒr eine alte Religion der Mongolen und Turkvölker in Zentralasien. Sie ist aus dem noch Ă€lteren altaischen Schamanismus hervorgegangen.

Seit der Auflösung der Sowjetunion 1990 nahm das Interesse am Tengrismus in intellektuellen Kreisen in Aserbaidschan, Burjatien, Kasachstan, Kirgisistan, Tatarstan, Turkmenistan und Usbekistan zu.cite-ref-2[2]

Contents

‱ Geschichte
‱ Mongolen
‱ Tengri
‱ Blitze
‱ Unterwelt
‱ Oberwelt
‱ Geister
‱ Opfergaben
‱ Schamane
‱ Forschung
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Überblick

Der Glaube vereint Animismus, klassischen Schamanismus, Ahnenverehrung und eine spezielle Form des Totemismus. Er baut sich vor allem um einen Himmelsgott auf: Tengri. Tngri, Tengri oder Tegri ist die Bezeichnung fĂŒr die Götter oder höchsten geistigen Wesen im mongolischen Schamanismus. Wie viele dieser Wesen es gibt, wird verschieden interpretiert.cite-ref-3[3]cite-ref-heissig-4-0[4] GemĂ€ĂŸ den alten mongolischen Überlieferungen ist auch Dschingis Khan eine, wenn nicht sogar die Verkörperung des höchsten Tengri.cite-ref-5[5]

Das höchste Ziel der AnhĂ€nger der Tengris ist, mit „allem, was unter dem Himmel ist“, also mit seiner Umwelt, im Einklang zu leben. Der Mensch steht in der Mitte der Welten und sieht seine Existenz geborgen, zwischen dem „ewigen blauen Himmel“ (Mönkh khökh Tengeri auf Mongolisch), der „Mutter Erde“ (Gazar Eje auf Mongolisch, Yer Ana auf TĂŒrkisch), die ihn stĂŒtzt und ernĂ€hrt, und einem Herrscher, der als „Sohn des Himmels“ gilt.

Mit einer ausgeglichenen Lebensweise hĂ€lt der Mensch seine Welt im Gleichgewicht. Er strahlt seine persönliche Kraft aus, sein „Windpferd“. Der Kosmos, die Naturgeister und die Ahnen sorgen dafĂŒr, dass es dem Menschen an nichts fehlt und beschĂŒtzen ihn. Wenn das Gleichgewicht durch eine Katastrophe oder durch den Eingriff böser Geister außer Kontrolle gerĂ€t, wird es durch den Eingriff eines Schamanen wiederhergestellt.cite-ref-stewart-6-0[6]cite-ref-laut-7-0[7]

Heute ist die Gestalt des Himmelsgottes Tengri vorwiegend bei Mongolen, wo auch der Lamaismus von Bedeutung ist, und einigen noch naturverbunden lebenden Turkvölkern wie Chakassen, Altaier oder Jakuten erhalten geblieben. Aber auch bei Völkern, die den Tengrismus lÀngst abgelegt haben, existieren Elemente aus dem alten Glauben immer noch in der religiösen Tradition weiter.

Name und Begriff

Tengricite-ref-8[8] und Tengrismus werden in zahlreichen Varianten geschrieben bzw. transkribiert, was an der Vielzahl der Quellsprachen (mongolische und turkische Sprachen) und Zielsprachen und Transkriptionssystemen liegt. Verbreitet sind:

‱ Tengri, Tengeri, TĂ€nri, Tengre, Tenger, Tengere, Tangra, Tangar, Tangara, Tenghri, Tanrı, Tangri.
‱ Tengrismus, Tengerismus, TĂ€nriismus, Tangriismus, Tengrianismus, Tangrismus.

ZunĂ€chst wurde das Wort Tengrismus im Rahmen der Beschreibung des klassisch sibirischen Schamanismus' verwendet. Inzwischen wird der Begriff Schamanismus allerdings auch fĂŒr unterschiedliche Thesen westlicher Autoren zu schamanischen Praktiken anderer Völker verwendet. Daher setzt sich, insbesondere fĂŒr die traditionelle Religion der alten TĂŒrken und Mongolen, seit einigen Jahrzehnten zunehmend die Bezeichnung Tengrismus durch, wo es nicht nur um die TĂ€tigkeit des Schamanen geht. Julie Stewart schreibt dazu: „Dies ist sehr viel zutreffender, da dieser Glaube Tengri und die Geister als Mittelpunkt hat. TĂ€gliche religiöse Praxis braucht den Schamanen nicht. Die Menschen können selber direkt zu den Naturgeistern beten.“cite-ref-9[9]

Geschichte

Die Ă€ltesten, schriftlichen Nachweise ĂŒber die Verehrung des Himmelsgottes Tengri gibt es in chinesischer Literatur, die sich nicht nur mit den Chinesen selbst, sondern auch mit den benachbarten und verfeindeten Völkern beschĂ€ftigt. Daraus ist zu entnehmen, dass die Xiongnu schon im 4. Jahrhundert v. Chr. Tengri verehrten.

„Tengri: Himmel (- sgott). Der Ă€lteste Beleg fĂŒr dieses Wort findet sich in den chinesischen Annalen bezĂŒglich der Xiongnu in der Form tcheng-li, was zweifellos die chinesische Transkription des zweisilbigen Wortes tĂ€ngri ist. SpĂ€ter geben die Chinesen in der Form teng-ning-li (oder teng-yi-li), ein dreisilbiges Wort fĂŒr tengri an: Der Ausfall des mittleren i ist normal, aber wĂ€hrend das dreisilbige Wort spĂ€ter im Gök-TĂŒrkischen belegt ist (manchmal auch Tengeri), ist es in den frĂŒhesten Texten unbekannt. Keine Etymologie ist bisher allgemein anerkannt: Man hat das sumerische dingir, das chinesische T`ien und den gök-tĂŒrkischen teng- vorgeschlagen, was relativ befriedigend erscheint [
] Tengri hat alle Kennzeichen eines Nationalgottes. Die Gök-TĂŒrken wohnen im Zentrum der Welt, direkt unter dem Himmel, der sie also besonders beschĂŒtzt. Die Texte aus den Inschriften sagen deutlich, dass er der Gott der TĂŒrken ist (TĂŒrĂŒk TĂ€ngrisi), nicht der fremder Völker. Er trĂ€gt manchmal den Titel Khan (Kaiser). Er beschĂŒtzt besonders sein Volk. Im Verein mit anderen MĂ€chten befiehlt er, ‚dass das gök-tĂŒrkische Volk nicht zunichte werde, dass es wieder ein Volk werde‘.“

–

Jean-Paul Roux

Die Xiongnu glaubten, dass das Blut ihrer Herrscher vom Gott Tengri geadelt ist. Nach der Hsiung-Nu-Legende der Wölfin Asena gilt diese als Ahnin. In einer anderen Legende vereinigt sich Tengri persönlich in Gestalt eines Wolfes mit der Tochter eines Tue’kue Herrschers. Die Herrscher der TĂŒrken fĂŒhrten ihre Abstammung auch nach ĂŒber tausend Jahre spĂ€ter noch auf dieses Asena-Adelsgeschlecht zurĂŒck und wurden daher von ihren Untertanen als lebende Gottheiten verehrt.

GöktĂŒrken

Die GöktĂŒrken waren die erste tĂŒrkische Horde, die der Nachwelt zahlreiche schriftliche Nachweise hinterließen, die wertvolle Hinweise ĂŒber ihre Kultur, Glauben und Politik enthalten. Aus den in Orchon-Runen geschriebenen KĂŒl-Tegin-Stelen aus dem 7. Jahrhundert geht das folgende tengristische Glaubensbekenntnis hervor:

â€žĂŒzĂ€ kök tÀƋri asra yagız yer kılıntukta ekin ara kißi oglı kılınmıß.“

„Als oben der blaue Himmel und unten die braune Erde ins Dasein trat, wurde durch diese (dazwischen) das Menschengeschlecht gezeugt.“

Die Herrschertitel der GöktĂŒrken enthielten den Hinweis auf ihre göttliche Verbindung zum Himmel, wie etwa kök tengri yaratmıß, „von Tengri erschaffen“. In den Inschriften des Bilge Khan (reg. 716–734) heißt es:

„Im Auftrag des Himmels ist der tĂŒrkische Herrscher eingesetzt, um die Welt zu regieren.“

Ein Zusatz in seinem Titel lautete:cite-ref-laut-7-1[7]

„tĂ€nri tĂ€g tÀƋri yaratmıß tĂŒrk bilge kagan“

„Der HimmelsĂ€hnliche, vom Himmel (mit dem Volk) zusammengestellte adlige (tĂŒrk) Bilge Khan. (eigentlich: Von Tengri geschaffen nach seinem Bilde - TĂŒrk Bilge Kağan)“

Im Reich der GöktĂŒrken erlebte der Tengrismus eine BlĂŒtezeit, obwohl der zunehmende Einfluss fremder Religionen in jenem Vielvölkerstaat groß gewesen sein muss. In einer der Überlieferungen wird der große Khan von seinem Berater vor der zunehmenden Verbreitung des Buddhismus gewarnt; der Buddhismus wĂŒrde die TĂŒrken zu unproduktiven und gleichgĂŒltigen Pazifisten werden lassen. Aber abgesehen davon war der Tengrismus anderen Religionen gegenĂŒber sehr tolerant eingestellt. In einer Überlieferung ĂŒber einen Kiptschaken-Khan heißt es, er hĂ€tte vor der Schlacht alle geistlichen FĂŒhrer aus seiner Horde unterschiedlichster Glaubensrichtungen zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammengefĂŒhrt und gesagt: „Je mehr Götter auf unserer Seite sind, umso besser ist es fĂŒr uns!“

Mongolen

Dschingis Khan war anderen Religionen gegenĂŒber offen. Er suchte in Friedenszeiten regelmĂ€ĂŸig die Ruhe abgeschieden gelegener buddhistischer Klöster auf, um mit Meditation zu sich zu finden und um sich von seinen Schlachten zu erholen. Er vereinte viele StĂ€mme Zentralasiens zu einer mĂ€chtigen Horde und erschuf eines der grĂ¶ĂŸten Reiche in der Geschichte der Menschheit. Er begann seine Reden immer mit den Worten: „Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels 
“ In der Goldenen Horde erlebte der Tengrismus eine weitere BlĂŒtezeit.cite-ref-stewart-6-1[6]

Nachdem Kubilai Khan China erobert hatte, wuchs sein Interesse an den dort beheimateten Religionen. Er ahmte die chinesische Lehre des einen Himmels Tian Ming, die der Lehre von Tengri verwandt ist, nach. Er war von der hohen Bildung uigurischer Buddha-Mönche begeistert und beauftragte eine Gruppe uigurischer Mönche damit, die Lehren Buddhas auch unter den Mongolen zu verbreiten und schickte sie nach Karakorum, wo sie ein buddhistisches Kloster errichteten. Dem Buddhismus gelang es allerdings bis heute nicht, den Tengrismus in der Mongolei zu verdrÀngen, er wurde lediglich in diesen integriert. Diese Verbindung zeigt sich heute etwa dort, wo eine Buddha-Statue gemeinsam mit einem Bild Dschingis Khans und dem Totem an den heiligen Platz auf dem Altar des Nomadenzeltes gestellt wird.

Tengri in Europa

Der Tengrismus wurde durch die EroberungszĂŒge der kriegerischen Hunnen, Awaren, (Proto-)Bulgaren, Kumanen, Magyaren und spĂ€ter auch durch die Goldene Horde Dschingis Khans auch bis nach Europa getragen.

Der Glaube war so eng mit dem Nomadenleben verknĂŒpft, dass die Sesshaftwerdung der tengristischen Völker immer mit dem Wechsel ihres Glaubens verbunden war. Solange die Menschen als Nomaden lebten, blieben sie lange tengristisch. In Ost- und Mitteleuropa sollen bis ins spĂ€te Mittelalter noch umherziehende NomadenstĂ€mme anzutreffen gewesen sein, die Tengri verehrten.

Die Protobulgaren nannten den Himmelsgott Tangracite-ref-11[11] und benannten einen großen Berg in Bulgarien nach ihm, dessen Name erst im 15. Jahrhundert durch die Osmanen in Musala, Mashallah: „Gottes Lob“, umgeĂ€ndert wurde. Sie hinterließen aber auch weitere Spuren, wie etwa Felsen, die eine Runeninschrift mit dem Gottesnamen Tangra tragen, oder das Relief mit der Abbildung der Fruchtbarkeitsgöttin Umay auf dem höchstgelegenen Felsen von Perperikon.

864 erklÀrte Zar Boris Michael Khan das Christentum zur offiziellen Staatsreligion. Damit wurde der Tengrismus in Bulgarien im 9. Jahrhundert aufgegeben.

Die nach Europa gewanderten Tengristen verloren mit der Sesshaftwerdung im Laufe der Zeit ihre IdentitĂ€t und gingen ĂŒberwiegend in slawischen, germanischen und romanischen Völkern auf.

Übrige Turkvölker

Schon vor dem 10. Jahrhundert gab es kleinere Horden und StĂ€mme, die mit Arabern und Persern in Kontakt gekommen waren und zum Islam ĂŒbertraten. 920 traten als erstes grĂ¶ĂŸeres Turkvolk die Karachaniden unter ihrem Herrscher Saltuq Bughra Qara-Khan ’Abd al-Karim (reg. 920–956) geschlossen zum Islam ĂŒber. Danach breitete sich der Islam unter den Turkvölkern im SĂŒdwesten Zentralasiens immer schneller aus.

Einige Turkvölker waren vor ihrer Islamisierung nestorianische Christen gewesen. Persische Überlieferungen aus dem Jahr 581 berichten von tĂŒrkischen Gefangenen, die eine Kreuz-TĂ€towierung im Gesicht getragen haben sollen.

762 erklĂ€rte BögĂŒ Khan im Reich der Uiguren den ManichĂ€ismus zur Staatsreligion. Da die Prinzipien des ManichĂ€ismus nicht mit denen des Tengrismus ĂŒbereinstimmten, ist es nur schwer vorstellbar, dass die gesamte Bevölkerung der neuen Religion folgte. Nachdem die Uiguren mehrheitlich den Buddhismus als Religion angenommen hatten, grĂŒndeten sie auf dieser Grundlage die erste sesshafte tĂŒrkische Zivilisation. Sie wurden zu Vorreitern des Buddhismus, ĂŒbersetzten sanskritische und chinesische Texte ins TĂŒrkische und waren missionarisch tĂ€tig. Sie grĂŒndeten das erste buddhistische Kloster fĂŒr Frauen. Nach einem Angriff der Kirgisen wurden sie zwischenzeitlich wieder in eine nomadische Lebensweise zurĂŒckgeworfen. Die heutigen Uiguren sind ĂŒberwiegend muslimisch.

Ab dem 16. Jahrhundert wurden immer mehr Turkvölker Sibiriens durch die Russen christianisiert und slawisiert. Das Vertrauen in den Dorfschamanen ist allerdings auch heute noch zuweilen grĂ¶ĂŸer als etwa in den Arzt oder den Priester eines Dorfes. Der Tengrismus wie der Lamaismus blieben bei den Mongolen und bei einigen kleinen noch naturverbunden lebenden Turkvölkern Sibiriens erhalten.

Die Völker in Asien, bei denen der Tengrismus bis heute erhalten geblieben ist, sind ausschließlich Nomaden. Bei manchen islamischen Turkvölkern wie Kirgisen oder Turkmenen, bei denen ein Teil der Bevölkerung bis heute nomadisch lebt, praktizieren Schamanen, die ihre Rituale mit islamischen Gebeten kombinieren.

In den letzten Jahrhunderten wurden einige Versuche unternommen, den Tengrismus neu zu strukturieren. Einer dieser Versuche in der Altai-Region wird heute in der westlichen Literatur als Burchanismus bezeichnet. Der Burchanismus war anti-schamanistisch und vor allem anti-russisch. Die Schamanen hatten im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Elemente aus fremden Religionen in ihre Praktiken aufgenommen und den Tengrismus verfremdet. Der Burchanismus rief dazu auf, die Schamanen zu verfolgen und auch alles Russische zu boykottieren. Schamanenkutten und -trommeln wurden ebenso wie russische Banknoten verbrannt. Diese Bewegung dauerte etwa von 1904 bis 1930 an und wurde durch die Sowjetunion gewaltsam beendet.

Tengri

‱ Tengri alttĂŒrk.: Gott (frĂŒher auch ein Synonym fĂŒr „Himmel“ neben kök > gök „Himmel; blau“; Tengir auf r-Altai bedeutet „Meer“, auf z-Altai tengiz > deniz. Das ist keine Bezeichnung fĂŒr „blau“ im AlttĂŒrkischen).
‱ Tanrı tĂŒrk.: Gott.
‱ Tenger mongol.: Himmel.
‱ Tenger Etseg/Tenger Burhan: der Name des Himmelsgottes bei den Mongolen.
‱ Tenger ung.: Meer (möglicher Zusammenhang: „blauer Himmel, blaues Meer“ oder siehe auch Zitat im nĂ€chsten Absatz, bzgl. imposanter Naturerscheinung)

„Diese UnglĂ€ubigen nennen den Himmel Tengri und beten zu ihm. Sie bezeichnen aber auch andere Dinge, die ihnen in der Natur als imposant erscheinen, wie große Berge oder prĂ€chtige BĂ€ume, als Tengri und gehen auch vor diesen Dingen zum Gebet in die Knie. Möge Allah ihren Seelen gnĂ€dig sein.“

–

Kaßgarlı Mahmut

:

Aus dem Wörterbuch

Divan LĂŒgat ĂŒ- TĂŒrk

, 1074.

Tengri wird als eine nicht personifizierte, mĂ€nnliche Gottheit oder als der große Geist des Himmels interpretiert. Im Tengrismus wird alles in der Natur Befindliche als von einem Geist bewohnt geglaubt. Tengri gilt als der mĂ€chtigste von allen. Er gilt als der Erschaffer und HĂŒter des kosmischen Gleichgewichts und der natĂŒrlichen KreislĂ€ufe. Im Gegensatz zu anderen heiligen Gestalten, die von den Schamanen und in den Mythologien der tengristischen Völker sehr menschlich dargestellt beschrieben werden, gibt es keine Beschreibung oder Personifizierung von Tengri, obwohl er als der Vater von großen Herrschern und vielen anderen ĂŒbernatĂŒrlichen MĂ€chten gilt. Er wird immer als zeitloser und endloser, blauer Himmel erwĂ€hnt.cite-ref-stewart-6-2[6]

Da Tengri aber auch Himmel bedeutet, findet man dieses Wort auch in den Namen mancher anderer Objekte in der Natur, von denen die Menschen glaubten, dass diese von einem Himmelsgeist beseelt sind: Himmels-Berg, Himmels-Baum, Himmels-Felsen, Himmels-Wolf. Die Geister wurden in Himmels- und Erd-Wassergeister eingeteilt. Aber der eigentliche Tengri war stets im Himmel selbst.

Verehrung Tengris

Jedes Ritual begann mit der EhrwĂŒrdigung von Tengri, der Mutter-Erde Yer und der Ahnen. Tengri wurde auch im Alltag der Menschen stĂ€ndig erwĂ€hnt und gewĂŒrdigt. Wenn ein besonderes GetrĂ€nk getrunken werden sollte, goss man zuerst einen Teil davon in eine SchĂŒssel und ĂŒberreichte es dem Vater-Himmel, der Mutter-Erde und den Ahnen. Außerdem opferten Frauen regelmĂ€ĂŸig Milch oder Tee, indem sie mit dem GetrĂ€nk um das Zelt gingen und es dabei dreimal in alle vier Himmelsrichtungen verteilten. Der Einfluss Tengris auf das Schicksal wurde als „Lob des Himmels“ bezeichnet und in alltĂ€glichen GesprĂ€chen stĂ€ndig erwĂ€hnt.

Es gab regelmĂ€ĂŸige Opferungen an die Berggeister und andere religiöse Feiern, bei denen vor allem Tengri angebetet wurde. Es gab auch ein Opferungsritual fĂŒr schnelle Hilfe in dringender Not, bei dem fĂŒr Tengri ein Tier geopfert wurde. Regengebete waren ebenfalls direkt an Tengri gerichtet. Sie wurden an bestimmten heiligen Orten ausgefĂŒhrt, die bei den Mongolen als Oboo und bei den TĂŒrken als Oba bezeichnet wurden. Mit den mĂ€chtigen Berggeistern Kontakt aufzunehmen und das außer Kontrolle geratene Gleichgewicht wiederherzustellen, war nur Schamanen gestattet, aber Tengri durfte jeder Mensch jederzeit selbststĂ€ndig um Hilfe bitten.

Blitze

Blitz und Donner wurden als ein Zeichen seiner Unzufriedenheit gedeutet. Manchmal wurden Blitze aber auch als Hinweis auf einen besonders spirituell starken Punkt in der Natur angesehen. An diesem Punkt vollzogen Schamanen ein Ritual, den Yohor-Tanz, um die dort entladene Energie wieder zurĂŒck ins himmlische Reich zu schicken. Man glaubte, dass vom Blitz oder von Meteoren getroffene GegenstĂ€nde mit himmlischer Energie beladen wurden. Man glaubte auch, dass Blitze, die man auch als „Haar des Himmels“ bezeichnete, auch GetrĂ€nke wie zum Beispiel Kumys mit göttlicher Energie anreicherten, die man dann in dem Glauben trank, die göttliche Energie wĂŒrde damit auf den Menschen ĂŒbergehen. Manche Meteoriten oder von einem Blitz getroffene Steine wurden fĂŒr das Regenzauber-Ritual verwendet.cite-ref-stewart-6-3[6]

Yer (Mutter-Erde)

Genau wie Tengri wurde auch Mutter-Erde (Yer, Gazar Eej oder Eje) nicht als menschenĂ€hnlich dargestellt. Sie war lediglich die fruchtbare Erde, an deren Brust sich die Menschen geborgen fĂŒhlten und die sie ernĂ€hrte. Sie wurde auch ItĂŒgen genannt. Schamaninnen bekamen oft einen Namen, der sich von ItĂŒgen ableitete: Jadgan, Utgan, Udagan. Ihre Tochter Umay (tungusisch fĂŒr Erde, auch Tenger Ninnian genannt) war die Göttin der Schwangeren und HĂŒterin der Seelen der Ungeborenen im Weltenbaum.

Der Zustand der BÀume spiegelt die Stimmung der Mutter-Erde wider. Wenn ein Gebet oder Ritual an sie gerichtet ist, wird das in Richtung eines besonders prÀchtigen Baumes vollzogen.

Eine weitere Tochter von Mutter-Erde und Tengri war Golomto, der Geist des Feuers. Feuer wird als Symbol fĂŒr die Kraft der Erde und des Himmels verstanden. Golomtos Licht symbolisiert das Licht des Himmels, und die WĂ€rme, die sie spendet, symbolisiert die von Mutter-Erde ausgehende Geborgenheit. Genau wie die BĂ€ume erhalten auch die Menschen Energie von Himmel und Erde.cite-ref-stewart-6-4[6]

Verehrung von Himmelskörpern

Sonne und Mond verkörpern die GegensĂ€tze Feuer und Wasser sowie die Kraft Tengris. Obwohl Zeit und Ort im Tengrismus keine große Rolle spielen, da die Zeit als ein endloser Kreislauf geglaubt wird und die Mitte des Universums jederzeit ĂŒberall sein kann, spielen Himmelskörper dennoch wichtige Rollen im Tengrismus. Der Buyan, den man durch Anbetung des Himmels und der Sonne erhalten kann, Ă€ndert sich von Zeit zu Zeit. Bei Neu- oder Vollmond kann man das meiste Buyan erhalten. Der lĂ€ngste Tag des Jahres und die Tage, an denen Hell und Dunkel gleich lang dauern (Sonnenwenden), bestimmen die wichtigsten Feiertage. Das Jahr beginnt mit dem weißen Mondfest (beim nĂ€chsten Neumond nach dem 21. Dezember). Das rote Sonnen-Fest findet am auf den 21. Juni folgenden Vollmond statt.

Der Himmelskörper Venus wird tĂŒrkisch Ă€rklik, mongolisch Tsolman genannt. Sie war oft auf den Trommeln der Schamanen abgebildet. Es wurde geglaubt, dass Ă€rklik han die Meteore und Sternschnuppen schickt, die Feuerpfeile genannt wurden. Das Sternbild Großer BĂ€r wird Doolon Obdog (tĂŒrk. BĂŒyĂŒk Ayı) genannt, der Mann mit den sieben TrĂ€nen (tĂŒrk. Yedi Kardeßler, Sieben BrĂŒder).

Es wurde geglaubt, dass der Himmel am Polarstern befestigt ist, und dass sich der Himmel um diesen Stern dreht. Die Plejaden (alttĂŒrk.Ülker) wurden als der Wohnort von sehr mĂ€chtigen Himmelsgeistern angesehen. Diese Geister hatten sich einst versammelt, um den ersten Schamanen in Gestalt eines Adlers auf die Erde zu schicken. Beim weißen Mondfest werden 14 WeihrauchstĂ€bchen angezĂŒndet, davon sieben fĂŒr den Mann mit den sieben TrĂ€nen (Großer BĂ€r) und sieben fĂŒr die Plejaden.cite-ref-stewart-6-5[6]

Drei-Welten-Kosmologie

Wie in vielen anderen Religionen gibt es auch in der Kosmogonie des Tengrismus neben der realen irdischen Welt eine Oberwelt (Himmelsreich) und eine Unterwelt, die durch einen „Nabel der Welt“ (Weltachse) miteinander verbunden sind. Im Tengrismus ist dieser Nabel der so genannte „Weltenbaum“.

Oberwelt und Unterwelt haben mehrere Ebenen (die Unterwelt bis zu 9, der Himmel bis zu 17). Schamanen kennen mehrere EingĂ€nge in diese Welten. In diesen Ebenen (Parallelwelten) leben ĂŒberirdische Wesen, die ein Ă€hnliches Leben fĂŒhren wie die irdischen Wesen auf der Erde. Auch sie haben ihre eigenen Naturgeister. Wenn sie auf die Erde kommen, sind sie fĂŒr die Menschen unsichtbar.

Die Welt ist aus der Perspektive eines Tengristen nicht einfach nur dreidimensional, sondern ein geschlossener Kreislauf, in dem sich alles bewegt: Sonne, die immer wiederkehrenden Jahreszeiten und die drei Seelen aller Lebewesen. Der Schamane ist der Mittler zwischen den Welten. Er kann durch das Erklimmen des „Weltenbaumes“ oder durch Fliegen in die Ebenen der Oberwelt gelangen, oder in den „Fluss der Seelen“ eintauchen und darin mit der Strömung bis zum Eingang der Unterwelt schwimmen, der im Norden liegt.cite-ref-stewart-6-6[6]

Unterwelt

Die Unterwelt Tamag Ă€hnelt der irdischen Welt, ihre Bewohner haben im Gegensatz zu den irdischen Wesen aber keine drei Seelen, sondern nur eine. Ihnen fehlt die Ami-Seele, die fĂŒr KörperwĂ€rme sorgt und eine Atmung erforderlich macht. Sie sind sehr blass und ihr Blut ist sehr dunkel. Unter ihnen sind Sonnenseelen mancher Menschen, die auf ihre Reinkarnation warten. Sonne und Mond sind in der Unterwelt sehr viel dunkler. Auch dort gibt es WĂ€lder, FlĂŒsse und Siedlungsgebiete. Die Wesen der Unterwelt haben ihre eigenen Schamanen.

Die Unterwelt ist das Reich des Erlik Khan (mongol. Erleg Han). Er ist der Sohn des Himmelsgottes Tengri. Die Reinkarnation der in der Unterwelt hausenden Seelen steht unter seiner Kontrolle. Wenn die Seele eines irdischen Wesens vor seinem Tod in die Unterwelt abrutscht, was sich meist durch Bewusstlosigkeit oder schwere Krankheit Ă€ußern wĂŒrde, könne ein Schamane sie durch das Verhandeln mit Erlik Khan wieder zurĂŒckholen. Schafft er es nicht, stirbt der kranke Mensch.

Oberwelt

Die Oberwelt (Himmelsreich) hat ebenfalls Ähnlichkeit mit der irdischen Welt. In dieser Welt ist es sehr viel heller als auf der Erde; nach einer Sage hat sie sieben Sonnen. Sie kann durch irdische Schamanen besucht werden. Hier ist die Natur noch unberĂŒhrt, und ihre Bewohner sind von der Tradition ihrer Ahnen nie abgewichen. Dies ist das Reich von Ülgen, der ebenfalls als ein Sohn des Himmelsgottes gilt. An manchen Tagen geht der Eingang zum Himmelsreich einen Spalt auf, dann strahlt das Licht der Oberwelt durch die Wolken. In solchen Momenten sind die Gebete des Schamanen besonders wirksam.

Der Schamane kann in Gestalt oder auf dem RĂŒcken eines Vogels, auf dem RĂŒcken eines Pferdes oder Hirsches, durch das Erklimmen des Weltenbaumes oder eines Regenbogens in die Oberwelt gelangen.

Bedeutung des Nomadenzeltes und der Himmelsrichtungen

Himmelsrichtungen

Der Tengrismus kannte zunĂ€chst die Himmelsrichtungen Vorne, Hinten, Links und Rechts. „Vorne“ war Osten, doch aus unbekannten GrĂŒnden ist daraus die Bezeichnung fĂŒr SĂŒden geworden. Heute ist der Norden „Hinten“. Man glaubte, dass im Osten die bösen, weiblichen Geister hausten, die Krankheiten und Unausgeglichenheit brachten, und im Westen die guten mĂ€nnlichen Himmelsgeister.cite-ref-stewart-6-7[6]

Mikrokosmos Jurte

Das Nomadenzelt (mongolisch Ger, tĂŒrkisch Yurt/Jurte = „Heim“) ist ein Mikrokosmos. Die kuppelförmige Decke symbolisiert den Himmel. Der Eingang der Jurte gilt als „vorne“ und ist daher stets Richtung SĂŒden ausgerichtet. Die Stelle hinter der Feuerstelle wird Hoimar genannt, dies ist die Nordseite („hinten“). Hier wird ein Tisch hingestellt, auf der das Totem (tĂŒrk.: Ongun, mong,: Ongon) aufgestellt wird und Opfergaben fĂŒr die Geister abgelegt werden. Der Sitzplatz daneben gilt als der bedeutendste Sitzplatz im Zelt. Hier nehmen StammesĂ€lteste, Schamanen und andere ehrwĂŒrdige GĂ€ste Platz.

‱ Rechts (Westen) ist die mĂ€nnliche Seite des Zeltes, hier nehmen nur MĂ€nner Platz. Waffen und andere mĂ€nnliche GebrauchsgegenstĂ€nde werden ebenfalls nur hier aufbewahrt.

‱ Links (Osten) ist die weibliche Seite. Hier nehmen Frauen Platz, auch weibliche GebrauchsgegenstĂ€nde wie KĂŒchengerĂ€te oder Kinderbetten befinden sich hier. Jugendliche halten sich in der NĂ€he der weiblichen Seite auf. Im zwanzigsten Jahrhundert scheint die Ausrichtung zwischen Osten und Westen aber an Bedeutung verloren zu haben. Heute sind viele Jurten spiegelverkehrt eingerichtet.

‱ Im Zentrum der Jurte befindet sich die Feuerstelle, der heiligste Punkt. Dies ist der Platz von Golomto. der Tochter Tengris. Man muss ihr Respekt erweisen. Gal Golomto, die Feuerstelle Golomtos, ist das Zentrum des Mikrokosmos. Die von der Feuerstelle aufsteigende RauchsĂ€ule symbolisiert den Weltenbaum, die Rauchöffnung an der Decke den Eingang ins himmlische Reich. Die Traumreise der Schamanen beginnt meist durch diese Rauchöffnung.

Der kleine, runde Sonnenfleck, der durch die Rauchöffnung auf den Boden der Jurte fÀllt, bewegt sich auf der Nordhalbkugel der Erde im Uhrzeigersinn. An ihm kann man die Uhrzeit ablesen. Auch die Bewohner der Jurte bewegen sich nur im Uhrzeigersinn durch die Jurte, um das Gleichgewicht nicht zu stören. Die Schamanen richten sich bei ihren Bewegungen wÀhrend eines Rituals nach der Uhrzeigerrichtung.cite-ref-stewart-6-8[6]

ÜbernatĂŒrliche MĂ€chte

Dadurch, dass große Herrscher aufgrund der Ahnenverehrung nach ihrem Tod den Status eines Gottes erreichen, existieren von Stamm zu Stamm zusĂ€tzliche unterschiedliche heilige Ahnen, die angebetet werden. Angesichts der Vielfalt ist es unmöglich, eine vollstĂ€ndige Liste heiliger Gestalten und Geister des Tengrismus zusammenzutragen. Einige werden zu einem hohen Himmelsgeist, der in der höchsten Ebene der Oberwelt wohnt, wie etwa der von den Altaiern verehrte Kaira Khan (auch Kara Han). Manche Historiker vermuten in dieser Figur Oğus Khans Vater, den siegreichen und mĂ€chtigen Kara Khan.

Die bekanntesten heiligen Gottheiten

Die wichtigsten, neben Tengri selbst, sind:

‱ Ülgen (bei Altaiern auch Adakutay. bei Jakuten Ak Toyun): Sohn Tengris. Herrscher des Himmelsreiches (Paradies).
‱ Erlik Khan (Unterwelt: Yerlik oder Erlik): Herr der Unterwelt. Er haust in der siebenten Ebene der Unterwelt in einem Schloss aus grĂŒnem Eisen. Er hat sich in der Unterwelt eine Sonne erschaffen, die dunkelrot leuchtet. Er sitzt auf einem Thron aus Silber. Ihm stehen neun gesattelte Stiere zur VerfĂŒgung. In einer Legende, die bei dem Turkvolk der Dolganen heute noch erzĂ€hlt wird, soll Erlik Khan die Mammuts von der irdischen Welt in die Unterwelt geholt haben. Sie seien dazu verdammt, ein Dasein in stinkender, heißer Finsternis zu fĂŒhren und dem Erlik Khan bis in alle Ewigkeit zu dienen. Wenn ein Mammut versucht, auf die ErdoberflĂ€che zu gelangen, soll es sofort zu Eis gefrieren. Mit dieser Legende erklĂ€rten sich die Dolganen ihre gelegentlichen Funde von tiefgefrorenen, halb aus dem Dauerfrostboden der Tundra ragenden Mammuts.cite-ref-12[12]
‱ Umay (auch Iduk Umay oder Tenger Ninnian): Tochter Tengris. Ihr Name bezeichnet im TĂŒrkischen die Plazenta. Sie ist die BeschĂŒtzerin der Schwangeren und HĂŒterin der im Weltenbaum befindlichen ungeborenen Seelen. Wenn ein Kind geboren werden soll, bringt Umay einen Tropfen Milch aus dem in der dritten Ebene des Himmels befindlichem Milchsee und erweckt damit das neue Leben im Kind. Umay wird manchmal auch als der Name fĂŒr die Mutter-Erde selbst verwendet.
‱ Golomto: Tochter Tengris. Herrin des Feuers.
‱ Kayra Han: Personifizierter Schöpfergott. Existierte vor dem Universum, wĂ€hrend Ülgen mit dem Universum co-existiert. Gilt als Verkörperung des Guten.

Gottheiten der sibirischen Turkvölker

Die sibirischen Turkvölker kannten folgende Götter:

‱ Ayzit: Liebes- und Schönheitsgöttin. Sie haust in der dritten Ebene des Himmels. In den wirren Gebeten und GesĂ€ngen der Schamanen wird ihre blendende Schönheit beschrieben.
‱ GĂŒn Ana: Sonnengöttin. Sie haust gemeinsam mit der Sonne in der höchsten, der siebensten Ebene. Sie wird als die erste Großmutter der Menschen verehrt.
‱ Ay Ata (auch Ay Dede): Gott des Mondes. Sitzt in der sechsten Ebene des Himmels. Er wird als der erste Großvater der Menschen verehrt.
‱ Aykız: Mondgöttin. Sie haust gemeinsam mit dem Mond auf der fĂŒnften Ebene des Himmels.
‱ Alasbatir: Schutzpatron der Haustiere.
‱ Ancasin: Herr der Blitze.
‱ Su Iyesi: Herrin des Wassers.
‱ Tasch Gaschit: Gott des Schicksals.
‱ Andarkan: Herr des Feuers. Eine Göttin der Pflanzen, bei den alten Kirgisen trug denselben Namen.
‱ Satilay: Eine böse Göttin die Unausgeglichenheit, Verwirrtheit und geistige Krankheiten bringt. Sie lockt verzweifelte Menschen in den Freitod.
‱ Kysch Khan: Herr des Winters (tĂŒrk. kıß, Winter).
‱ Arah, Toyer, Tarila, Sabiray: Göttliche Richter der Unterwelt, die ĂŒber sĂŒndige Menschen richten.
‱ Gölpön Ata: Schutzpatron der Schafe.
‱ Erdenay: Götterbote; Er ĂŒberbringt Nachrichten ĂŒber gute Taten der Götter an die Menschen.
‱ Qambar Ata: BeschĂŒtzer der Pferde.

Geister

Im Tengrismus herrscht die animistische Vorstellung, dass alles in der Natur Befindliche von einem Geist (İye) beseelt ist. Diese haben je nach Sprache oder Dialekt unterschiedliche Namen.

Es gibt zwei große Kategorien von Geistern: Die Himmelsgeister (Tengris/engers) und die Erd-Wassergeister (tĂŒrk. İye /Yer su / mongol. Gazriin Ezen). Laut Rafael Bezertinov gibt es bei den TĂŒrken 17 Tengris und bei den Mongolen 99 Tengers, die 77 Erd-Wassergeistern gegenĂŒberstehen. Die Himmelsgeister sind mit dem Himmel verbunden und die Erd-Wassergeister mit der Mutter-Erde. Einige sind so mĂ€chtig, dass sie nicht durch einen Schamanen kontrolliert werden können, andere sind dagegen leicht zu kontrollieren. Ein Geist darf nur gestört und kontrolliert werden, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, niemals aus reiner Neugier oder wegen belangloser Dinge.

Die mĂ€chtigsten Geister sind die Tengers, die an den vier Enden der vier Himmelsrichtungen existieren. Es heißt, dass die West-Tenger die Menschen, die Hunde und die essbaren Tiere erschaffen haben. Die Ost-Tenger sollen die Adler, die Tiere, die man nicht essen darf, und die Geister, die Krankheiten bringen, erschaffen haben. Da das Gleichgewicht immer schwankt, dĂŒrfen die Ost-Tengers nicht immer als böse und die West-Tenger nicht immer als gut angesehen werden.

‱ Der wichtigste Ost-Tenger ist Erlik Khan, der Herr der Unterwelt, Bruder von Ülgen.
‱ Usan Han, der Herr der Wassergeister, wird aus dem SĂŒden gerufen.
‱ Tatay Tenger wird aus dem Norden gerufen. Er ist der Herr der StĂŒrme, Blitze und Tornados.

Die Tengers können wĂ€hrend eines Schamanenrituals um Hilfe gebeten werden. Die Seelen der Menschen, die ein vorbildliches Leben gelebt haben, gelangen gĂ€nzlich in den Himmel. Sie hausen dann in den Wolken und sorgen fĂŒr den Regen. Es existieren außerdem noch die folgenden Geister:

‱ Yer su (Gazrin Ezen, Ayy) sind Geister, die einen bestimmten Berg, See, Fluss, Felsen, Baum, Dorf, GebĂ€ude oder sogar ein ganzes Reich beherrschen. In einer alten tĂŒrkischen Legende vertreiben die Yer Su einen ganzen Stamm aus ihrer Heimat, weil sie diese durch einen Fehler gekrĂ€nkt haben.
‱ Tschotgors sind unter anderem fĂŒr physische und psychische Krankheiten und fĂŒr Verwirrtheit mancher Menschen verantwortlich. Manche Tschotgors sind die Suns-Seelen mancher Menschen, die den Weg in die Unterwelt nicht gefunden haben. In diesem Fall mĂŒssen sie von einem Schamanen auf ihren Weg gebracht werden. Andere böse Geister stehen außerhalb des Reinkarnations-Kreislaufes und leben ewig in der Natur. Sie können sich in einen guten Helfer-Geist verwandeln, nachdem sie von einem Schamanen kontrolliert wurden.
‱ Ozoors, Ongons und Burchans sind meist gute Geister, aber können von Zeit zu Zeit auch Probleme bereiten. Ozoors und Ongons sind die Sud-Seelen mancher Ahnen, die eine Phase lang in der Natur leben. Diese sind dem Schamanen wĂ€hrend eines Rituals die wichtigsten Helfer.
‱ Körmös oder Utha werden Geister genannt, die einen Schamanen als zusĂ€tzliche Seele begleiten und ihn fĂŒhren. Es sind ehemalige Seelen toter Schamanen. Die Körmös tragen das Wissen mehrerer Schamanen-Generationen bei sich. Es gibt sowohl gute als auch böse Körmös. Sie geleiten unter anderem auch die Seelen Verstorbener zu ihrem Bestimmungsort.
‱ Burchans sind sehr mĂ€chtig. Wenn sie eine Krankheit ausgelöst haben, kann man sie darum bitten, den Kranken in Ruhe zu lassen. Nur Schamanen, die einen sehr starken Geist als Helfer haben, können einen Burchan kontrollieren. Danach verwandelt sich der Burchan in einen weniger starken Ongon.cite-ref-stewart-6-9[6]

Einige mÀchtige Geister der Altaier

‱ Altay Khan: Ein mĂ€chtiger Geist. Er haust auf dem Gipfel eines Berges.
‱ Buncak Toyun: Bewacht gemeinsam mit Buzul Toyun den Weg, der im Himmel zum Schloss des großen Kaira Khan fĂŒhrt.
‱ Demir Khan: Ein mĂ€chtiger Berggeist.
‱ Talay Khan: MĂ€chtiger Geist der Meere oder des Ozeans
‱ Okto Khan: MĂ€chtiger Yer Su Berggeist.

Heilige Berge, Seen und BĂ€ume

AnhĂ€nger des Tengrismus haben großen Respekt vor der Natur, vor den Bergen, WĂ€ldern, FlĂŒssen, BĂ€umen und allen anderen Lebewesen. Verschwendung gilt als Beleidigung gegenĂŒber Tengri und seinen Naturgeistern. Der Mensch sieht seine Existenz nicht darauf ausgerichtet, die Natur auszubeuten, sondern lebt mit dem Bewusstsein, dass sein Überleben von einer intakten Umwelt abhĂ€ngt. Der Mensch sieht sich zwar ganz klar als etwas anderes als die ĂŒbrigen Lebewesen, aber dennoch werden in den Mythen dieser Menschen die Tiere und sogar die BĂ€ume als menschenĂ€hnliche und selbststĂ€ndig denkende Wesen charakterisiert. In der Natur hat alles eine Seele: Wald, See, Felsen, Fluss, Berg und BĂ€ume. Wenn der Mensch etwas aus der Natur nimmt, ist das nur möglich, weil es ein Naturgeist erlaubt hat. Deshalb muss er dankbar sein, diese Geister respektieren und ihnen Ehre erweisen.

Berge, BĂ€che, WĂ€lder, Felsen und BĂ€ume sind auch die WohnstĂ€tten der Naturgeister Yer Su. Diese Naturgeister sind ehemalige Ahnen-Geister, an die sich ihre Nachfahren nicht mehr erinnern. Es heißt, dass große Berge und eindrucksvolle BĂ€ume eine Suld-Seele haben. Die Suld-Seele ist die Seele der Menschen, der nach dem Tod des Menschen in der Natur bleibt. Man glaubt, dass manche Felsen und BĂ€ume besonders starke Geister beherbergen und reicht diesen regelmĂ€ĂŸig Tabak oder GetrĂ€nke als Opfergabe, und erweist ihnen Respekt. In der Natur SchĂ€den zu verursachen, wie etwa Äste von BĂ€umen abzureißen oder diese unnötig zu fĂ€llen, gelten als großes Tabu. Die verĂ€rgerten Naturgeister könnten sonst große Probleme bereiten.cite-ref-stewart-6-10[6] In einer alttĂŒrkischen Sage verschenken die TĂŒrken einen Felsen, den sie vorher seit 40 Generationen als heilig verehrt hatten, an die Chinesen. Der Himmel nimmt sofort eine seltsame Farbe an, die Vögel hören auf zu singen, das Gras der Steppe verblasst und vertrocknet, Krankheiten verbreiten sich. Auf diese Weise werden sie von den Yer Su, den Erd- und Wassergeistern als Strafe vertrieben.

Berggeister gelten als Ă€ußerst mĂ€chtig, und fĂŒr eine erfolgreiche Jagd und eine reiche Ausbeute an pflanzlicher Nahrung werden diese oft angebetet. Die Anbetung der Berggeister erfolgt an einer Oboo/Oba. Eine Oba ist meist eine kuppelförmige, zwei bis drei Meter hohe AnhĂ€ufung, die den Berg symbolisiert (Ă€hnlich wie die Jurte den Kosmos nachbildet). Jemand, der daran vorbeilĂ€uft, umkreist ihn dreimal und legt einen Stein darauf ab. Auf diese Weise stĂ€rkt der Mensch sein „Windpferd“, den Geist des Berges, und erhĂ€lt somit GlĂŒck fĂŒr seine weitere Reise. Am Oba werden viele Rituale zu Ehren Tengris, der Mutter-Erde und der Ahnen abgehalten.cite-ref-stewart-6-11[6]

Einige heilige Berge und Seen:

‱ Khan Tengri (Kasachstan)
‱ Ulu Taw (Kasachstan)
‱ Altai; auf dem höchsten Gipfel soll der mĂ€chtige Altay Han leben.
‱ Issyk Kul: Heiliger See in der Ursprungslegende der Kirgisen.
‱ Musala/Bulgarien; dieser Berg hieß Tangri, bevor ihr Name durch die Osmanen in Musala (Mashallah) umgeĂ€ndert wurde.
‱ Tianshan; ursprĂŒnglicher Name in Uigurisch „Gottes Berg“.

Opfergaben

Der Tengrismus kannte blutige und unblutige Opfer. Da man glaubte, dass Tiere eine Seele, die wiedergeboren wird, besitzen, durften Tiere niemals unnötig gequÀlt werden. Deshalb mussten beim Töten eines Tieres viele strenge Regeln eingehalten werden. Beim Töten eines Opfertieres durfte vor allem nicht die Ami-Seele geschÀdigt werden. Man glaubte, dass die Ami-Seele in dem Bereich vom Kopf, Kehle, Lunge und Herz ihren Platz hat. Deshalb musste dieser Bereich als Ganzes erhalten bleiben.

Blutige Opfer

Beim blutigen Opfer wurden meist Pferde, Schafe, Ziegen oder Rinder dargebracht. Beim Töten durfte kein Tropfen Blut vergossen und keine Knochen gebrochen werden. Das Fell musste bis auf einen Schnitt am Bauch unversehrt bleiben, gleiches galt fĂŒr Kopf, Lunge und Herz. Durch den Schnitt wurde eine Hand in die Bauchhöhle eingefĂŒhrt und mit den Fingern die Hauptschlagader durchtrennt; diese weitgehend unblutige Art der Tötung ist auch heute noch eine in der Mongolei verbreitete Art des Schlachtens. Das Opfer wurde danach in zwei HĂ€lften geteilt und auf zwei Feuerstellen zubereitet. Dabei achtete man darauf, wie sich der Rauch verhielt. Wenn der Rauch einer der Feuerstellen steil zum Himmel stieg, dann bedeutete dies, dass diese HĂ€lfte Tengri ĂŒberlassen werden sollte. Sie wurde einfach auf dem Feuer gelassen, bis sie vollstĂ€ndig verbrannt war. Beim islamischen Opferfest bevorzugen die Kirgisen bis heute Pferde als Opfertiere.

Unblutige Opfer

Unblutige Opfer waren alle sonstigen Lebensmittel, aber auch Genussmittel, Waffen, HaushaltsgerĂ€te und auch sportliche Veranstaltungen wie traditionelle RingkĂ€mpfe oder Pferderennen. Zum Beispiel ging man wĂ€hrend eines Gewitters mit einer SchĂŒssel voll Kumys, Milch, Ayran oder Joghurt um die Jurte, um damit die Götter zu besĂ€nftigen. An der Stelle, an der ein Blitz eingeschlagen war, veranstalteten junge MĂ€nner einen Ringkampf, als Opfergabe an die Götter. Das hĂ€ufigste Opfer ist bis heute die Opferung von Kumys oder Wodka. Man taucht einen Finger in das GetrĂ€nk, spritzt damit in alle Himmelsrichtungen und grĂŒĂŸt dabei Tengri, Mutter-Erde und die Ahnen, bevor man es auf ihr Wohl trinkt.

Ahnenverehrung

Die Seelen der Ahnen werden immer gemeinsam mit Vater-Himmel und Mutter-Erde gewĂŒrdigt. Der Mensch besitzt drei Seelen, die nach dem Tod unterschiedliche Schicksale haben. Eine kehrt zurĂŒck in den Himmel, eine zurĂŒck in die Erde, und eine bleibt in der Natur. Die in der Natur verbliebenen Seelen der Ahnen helfen und beschĂŒtzen ihren Nachfahren. Nach mehreren Generationen können diese Seelen ihre Nachfahren verlassen, wenn man sie nicht mehr erwĂ€hnt, aber wenn sie regelmĂ€ĂŸig gerufen werden, bleiben sie in der NĂ€he. Wenn diese Seelen ihre Nachfahren endgĂŒltig verlassen haben, werden sie zu Naturgeistern und leben beispielsweise in einem Baum oder einem Stein. Schamanen riefen wĂ€hrend eines Rituals, bei dem böse Geister vertrieben werden mussten, oft die Seelen der Ahnen zu Hilfe. Sie hielten sich dann in der NĂ€he des Totems auf.

Die TĂŒrken und die Mongolen sahen den „blauen Wolf“ (kök böri) und den „Rothirsch“ (maral) als ihre Ahnen an. Die Burjaten kennen außerdem einen „Vater Stier“ als wichtigen Ahnen. Das mongolische Wort fĂŒr BĂ€r bedeutet auch gleichzeitig Vater. Bei den Mongolen unter Dschingis Khan galt der Geist eines Ahnen als Schutzpatron. Er beschĂŒtzte Volk und Ehe. Bei ehemaligen tengristischen StĂ€mmen ist es bis heute verbreitet, Fotos von Ahnen, ein Bild von Dschingis Khan, oder das Stammestotem in eine besondere Ecke des Hauses zu stellen und ihm regelmĂ€ĂŸig Ehre zu erweisen.cite-ref-stewart-6-12[6]

Die Herrscher, meist Khan genannt, galten als Heilige. Ihr Blut, das ebenso als heilig galt, durfte nicht vergossen werden. Der Khan wurde auch nach seinem Tod weiter verehrt. Er wurde manchmal zum Schutzpatron des Stammes, dem regelmĂ€ĂŸig Opfer dargebracht wurden. MĂ€chtige Khane erreichten nach ihrem Tod den Status eines Gottes. Wenn ein Khan auf einen Beschluss der StammesĂ€ltesten hingerichtet werden musste, durfte dabei sein Blut trotzdem nicht vergossen werden. Daher wurde er mit der Sehne eines Bogens erdrosselt.

Verwendung von Totems

Der Wald und die Wasserwelt sind die Heimat wilder Tiere, auf die der Mensch angewiesen ist, um zu ĂŒberleben. Die Tiere verfĂŒgen wie der Mensch ĂŒber eine Ami-Seele. Diese Seele verursacht die KörperwĂ€rme und macht die Atmung erforderlich. Ihre Ami-Seelen werden innerhalb der eigenen Art wiedergeboren. Weil im Tengrismus die Tiere Seelen besitzen, haben Tiere individuelle Persönlichkeiten, eigene Sprachen und besondere FĂ€higkeiten.

Der große Geist Bayan Ahaa ist der Herrscher ĂŒber alle Tiere. JĂ€ger beten zu ihm, bevor sie mit der Jagd beginnen. Die wichtigsten wilden Tiere sind Wolf, Hirsch, sibirischer Tiger, Schneeleopard und BĂ€r. Die Burjaten nennen den Tiger Anda Bars, „bester Freund Tiger“, und beten zu ihm, um GlĂŒck in der Jagd zu haben. In Sibirien wird vor allem der BĂ€r als der Herrscher des Wildnis angesehen. Es gibt vielfĂ€ltige Rituale, die nach dem Tod eines BĂ€ren abgehalten werden, um seine Seele wĂŒrdig zu verabschieden.

Weil Tiere Seelen besitzen, die wiedergeboren werden, gilt es beim Töten eines Tieres Regeln einzuhalten, um seine Seele nicht zu erzĂŒrnen. Sonst könnte der gesamte Stamm fĂŒr eine lange Zeit keinen Jagderfolg mehr haben, weil die Naturgeister es verhindern. Wenn ein großes Waldtier erlegt oder ein großer Fisch gefangen wurde, kann es sein, dass der JĂ€ger aus Trauer um dessen Seele sogar weint. In der Regel entschuldigt sich der JĂ€ger bei der Seele des erlegten Tieres und erklĂ€rt ihm, weshalb er es töten musste. Auch Haustiere werden mit angemessenem Respekt getötet. Die Kehle wird nicht durchtrennt, weil dabei die Ami-Seele verwundet werden könnte.

Man glaubte, dass die Ami-Seele in dem Suld-Bereich Kopf, Hals, Lunge und Herz sitzt. Deshalb musste der Suld immer als Ganzes erhalten bleiben. Wenn ein Tier geopfert wurde, hÀngte man den Suld an einer zum Himmel gerichteten Stange auf. Die Skelette der verzehrten BÀren wurden im Wald an eine Stange gehÀngt oder auf eine Plattform gesetzt.

Um die Geister nicht zu verĂ€rgern, musste man sich im Wald vorsichtig verhalten. Beim Betreten des Waldes durfte nicht geschrien oder gerannt werden. Es galt, sich vorsichtig wie ein Waldbewohner zu bewegen. Mit einem Stock zu werfen, ist eine Beleidigung fĂŒr Bayan Ahaa und andere Naturgeister und gilt daher als Tabu (nugeltei). Steine ins Wasser zu werfen oder zu urinieren sind ebenfalls verboten. Tiere dĂŒrfen nur dann getötet werden, wenn man ihr Fleisch oder ihr Fell benötigt. Das Töten muss möglichst schnell und schmerzfrei erfolgen. Die Beute muss mit dem gesamten Stamm geteilt werden, es darf nicht gehortet werden. Wenn diese Regeln befolgt wurden, glaubte man, dass die Naturgeister einverstanden sind.

FlĂŒsse, Seen, BĂ€che und Meere sind nicht nur der Lebensraum der Wassertiere, sondern auch DurchgĂ€nge fĂŒr Seelen, die auf der Reise zwischen den Welten unterwegs sind. Deshalb wurden manchen Wassertieren besondere FĂ€higkeiten zugeschrieben. Man glaubte, dass manche dieser Tiere mit den Geistern und Seelen in Kontakt stehen.

Einige Tiere können die Seelen von Schamanen sein, die gerade eine tierische Gestalt angenommen haben, um bestimmte Aufgaben zu erledigen. Nach einer ErzĂ€hlung erlegte ein JĂ€ger ein Tier, das eigentlich die Seele eines Schamanen war. Deshalb starb im selben Moment auch der Schamane mitten in seinem Ritual. Die Seelen der Ahnen können gleichfalls zuweilen die Gestalt eines Tieres annehmen. Dann sind es jedoch immer Tiere, die nicht gegessen werden, wie z. B. FĂŒchse, Schakale, Spinnen oder Schnecken.

Tiere, die als Totem verehrt werden, dĂŒrfen nicht gejagt und nicht gegessen werden. Ihre Namen auszusprechen gilt als Tabu, deshalb werden sie im Alltag der Menschen unter anderen Namen beschrieben. Bei den Mongolen sind es vor allem der blaue Wolf und der Rothirsch. Bei den TĂŒrken ist es meistens der Wolf. Auch der Adler gilt als ein wichtiges Totem.

Die Seelen der Tiere sind manchmal Lehrer und manchmal Lotsen fĂŒr die Schamanen. Nach einer jakutischen Sitte stellen sich zwei Schamanen, die sich kennenlernen, zuerst gegenseitig ihre Krafttiere vor. WĂ€hrend eines Rituals nimmt der Schamane die Gestalt seines Krafttieres an.cite-ref-stewart-6-13[6]

Windpferd und Bujanhischig

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Hauptartikel

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Windpferd

Die persönliche, geistige Kraft eines Menschen wird als Windpferd bezeichnet, welches sich in der Brust befindet. Je nachdem, wie der Mensch sich und seine Umwelt im Gleichgewicht hĂ€lt, ist die geistige Kraft bei jedem unterschiedlich groß. Ein sehr starkes Windpferd bewirkt, dass ein Mensch sehr klar denkt, sehr vorausschauend ist und stets die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn der Mensch seine Kraft fĂŒr böse Absichten einsetzt und damit das Gleichgewicht stört, schwĂ€cht er das Windpferd ab. Deshalb neigen böse Menschen irgendwann auch zur Selbstzerstörung (vergleichbar mit Karma). Man kann das Windpferd mit tĂ€glichen kleinen Ritualen stĂ€rken, zum Beispiel durch ein Gebet oder durch die Darbringung eines OpfergetrĂ€nks fĂŒr den Himmel, die Erde und/oder die Ahnen.

WÀhrend eines Rituals kann der Schamane seine Windpferdkraft erhöhen, indem er den Rauch von bestimmten KrÀutern inhaliert und/oder Tieropfer darbringt.

Buyanhischig/Buyan sind dem vergleichbar. Je nach Verhalten eines Menschen mehrt und reduziert sich der Buyan. Durch Nichtbeachten von Tabus, durch Respektlosigkeit den Ahnen gegenĂŒber und durch das sinnlose Töten von Tieren werden die Naturgeister erzĂŒrnt und der Buyan schwĂ€cht ab.

In dem Bewusstsein, dass das StĂ€rken des Windpferdes und des Buyans die LebensqualitĂ€t und das Schicksal bestimmen, folgen die Menschen im Tengrismus einer Reihe von Verhaltensregeln, was letztendlich zu einem harmonischen Leben der Menschen miteinander, aber auch der Menschen mit der Natur fĂŒhren sollen.cite-ref-stewart-6-14[6]

Die mehreren Seelen des Menschen

Jeder Mensch und jedes Tier besitzt mehrere Seelen. Man glaubte, dass ein Mensch mindestens drei Seelen besaß; lediglich die Samojeden stellten hier eine Ausnahme dar. Sie glaubten, dass Frauen ĂŒber vier und MĂ€nner ĂŒber fĂŒnf Seelen verfĂŒgten. Allgemein verbreitet ist die Vorstellung, dass Tiere mit Ami- und Suns-Seele zwei Seelen besitzen; eine davon wird wiedergeboren. Da Tiere eine Seele haben, die wiedergeboren wird, muss der Mensch respektvoll mit ihnen umgehen.

Die drei Seelen des Menschen sind:

‱ ÖzĂŒt-Seele (auch Suld-): Sie bleibt nach dem Tod des Menschen in der Natur.
‱ Ami-Seele: Sie reinkarniert.
‱ Suns-Seele (auch SĂŒne): Sie reinkarniert.

Alle drei Seelen befinden sich innerhalb des Energiefeldes eines Menschen. Die fĂŒr das Leben wichtigste ist die Suld-Seele. Wenn sie den Körper verlĂ€sst, ist der Tod unumgĂ€nglich. Die anderen beiden Seelen können unter UmstĂ€nden den Körper kurzfristig verlassen und dabei manchmal Bewusstlosigkeit verursachen. Ami- und Suns-Seele mĂŒssen sich immer an entgegengesetzten Enden des Körpers aufhalten, um das Befinden im Gleichgewicht zu halten. Wenn sie sich aus irgendwelchen GrĂŒnden schneller bewegen, lösen sie erhöhten Blutdruck aus. Auf dieselbe Weise gab es ErklĂ€rungen und Heilmethoden fĂŒr sĂ€mtliche andere Krankheiten, die auf die Launen der drei Seelen und die StĂ€rke des Windpferdes zurĂŒckgefĂŒhrt wurden.

Die Ami-Seele hĂ€ngt mit der Atmung, die Suns-Seele mit Wasser zusammen. Die Suns-Seele benutzt Wasserwege, um sich außerhalb eines Körpers fortzubewegen. Der im SĂŒden liegende Weltenbaum ist die Verbindung zwischen irdischer Welt und Himmelreich. Der Weltenfluss, der Richtung Norden fließt, ergießt sich in die Unterwelt. Die Suns-Seelen werden stets wiedergeboren und kehren auf die Erde zurĂŒck. Es gibt unterschiedliche Mythen ĂŒber den gesamten Kreislauf der Seelen. In der meist erzĂ€hlten Version herrscht Umay ĂŒber die im Weltenbaum befindlichen Ami-Seelen, diese gelangen an der Quelle des Weltenflusses auf die ErdoberflĂ€che. Bei einer Geburt schwimmt die Seele, die wiedergeboren werden soll, durch den Fluss und dringt in das neu geborene Baby ein. Wenn ein Mensch stirbt, taucht die Suns-Seele in den Weltenfluss und schwimmt mit dessen Strömung bis in die Unterwelt. Die Ami-Seele verwandelt sich in einen Vogel und fliegt zurĂŒck zum Weltenbaum. Um wiedergeboren zu werden, muss die Suns-Seele die Quelle des Weltenflusses erreichen oder die Milchstraße ĂŒberqueren, um den Punkt im SĂŒden zu erreichen, an der sich Himmelreich und Mittelwelt berĂŒhren.

Dieser Kreislauf der Seelen gleicht dem Wasserkreislauf: Wasser regnet von Himmel herab und sickert durch die Erde, kommt dann als Quellwasser ans Tageslicht; daher sind auch BĂ€che EingĂ€nge in die Unterwelt. Letztendlich gelangt das Wasser in die Meere, wo es wieder verdunstet und den Himmel erreicht, von dem es wieder herabregnet. Die Seelen fließen ebenfalls mit dem Weltenfluss ins Meer und kehren zur Quelle zurĂŒck, um wiedergeboren zu werden.cite-ref-stewart-6-15[6]

Schamane

Der Schamane (Kam) gilt nicht als heiliger Mensch. Er genießt lediglich den Respekt der Menschen, weil er mit den Geistern in Verbindung steht. Insofern unterscheidet er sich von der Institution eines Priesters in anderen Religionen. FĂŒr die tĂ€gliche Ehrung Tengris und der Geister wird kein Schamane benötigt. Die Aufgaben des Schamanen bestehen meistens darin, das außer Kontrolle geratene Gleichgewicht wiederherzustellen und Krankheiten zu heilen. Es gibt unterschiedlich starke Schamanen. Je nachdem, ĂŒber welche Hilfsgeister sie verfĂŒgen, haben sie unterschiedliche FĂ€higkeiten. Man unterscheidet zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Schamanen.

Schamanen trugen das Manyak. Dies Gewand musste aus Fellen von bestimmten Tieren hergestellt werden. Es war mit Knochen und Federn bestĂŒckt, die ihre je eigene Bedeutungen hatten. Schamanen und Schamaninnen besaßen unterschiedliche Kompetenzen. Ein Schamane konnte nur bis zur dritten Ebene des Himmels gelangen, aber eine Schamanin bis zur fĂŒnften Ebene. Bei manchen StĂ€mmen dĂŒrfen Frauen keine Schamanen werden, weil sie wĂ€hrend der Menstruation als unrein gelten. Es gab auch so genannte weiße und schwarze Schamanen, die unterschiedliche HeilkrĂ€fte hatten. Sie trugen entweder helle oder dunkle Manyaks. Schamanen wurden nach ihrem Tod zum Körmöz, „Geister mit ZauberkrĂ€ften“.cite-ref-stewart-6-16[6]

Schamanenwerdung

Nach einer Sage baute Erlik Khan die erste Schamanentrommel und vollzog das erste Schamanenritual. Von sonstigen Menschen unterscheidet die Schamanen, dass sie ĂŒber die Seele eines verstorbenen anderen Schamanen verfĂŒgen. Diese utha- oder Körmöz-Seele begleitet den Schamanen und hilft ihm. In der Regel taucht die Seele eines alten Schamanen eines Tages plötzlich auf und versetzt den AuserwĂ€hlten in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, der manchmal mehrere Tage andauert; Mediziner sprechen hierbei von einer Katalepsie. In diesem Zustand hat der AuserwĂ€hlte eine Vision. Darin muss er sich entscheiden, ob er wirklich ein Schamane werden möchte. Am hĂ€ufigsten werden folgende Visionen erzĂ€hlt:

‱ Der AuserwĂ€hlte begegnet dem Totem-Tier des Stammes. Dieses Tier hat in der Regel ein Zeichen auf seiner Stirn. Es fĂŒhrt ihn zu dem Baum, von dessen Rinde er den Rahmen seiner Trommel fertigen muss. Wenn er aus der Bewusstlosigkeit erwacht, geht der AuserwĂ€hlte in den Wald, findet das Tier und den Baum aus seiner Vision und fertigt seine Trommel aus dem Fell des Tieres und der Rinde des Baumes.

‱ Die Seele des Hilfsschamanen fĂŒhrt den AuserwĂ€hlten in das Himmelsreich und zerlegt seinen Körper in Einzelteile. Diese Teile mĂŒssen wieder zusammengeflickt werden, damit er mit neuen Schamanen-KrĂ€ften auf die Erde zurĂŒckkehren kann. Wenn er sich weigert, ein Schamane zu werden, stirbt er in seiner Katalepsie und wacht nie wieder auf.

Ein anderer Schamane, der gerufen wird, um dem „Kranken“ zu helfen, erkennt sofort, dass dieser nicht wirklich krank ist, sondern zur Schamanenwerdung berufen wurde.cite-ref-stewart-6-17[6]

Aufgaben des Schamanen

‱ Krankheiten heilen: Die Launen der Geister und der Seelen sind die Ursachen fĂŒr Krankheiten.
‱ Mit Geistern in Kontakt zu treten, um sie um Schutz und GlĂŒck zu bitten.
‱ Regen-Ritual und Blitz-Ritual: Er muss die Energie der eingeschlagenen Blitze wieder in den Himmel schicken, um das Gleichgewicht in der Natur zu wahren, und in Trockenzeiten um Regen beten bzw. zaubern.
‱ Oba-Ritual: Kann mehrere Tage dauern und ist fĂŒr das Wohl des ganzen Stammes von Bedeutung.
‱ Wahrsagen: Er lĂ€dt einen Geist dazu ein, in seinen Körper zu dringen. Der Geist spricht dann aus dem Körper des Schamanen.

Der Schamane tanzt und singt wĂ€hrend seiner Arbeit und spielt dabei auf seiner Trommel. Er gibt sich damit selbst den Rhythmus fĂŒr seine Bewegungen. Seine Kutte und seine Onguns (Totems) beherbergen die Geister, die ihm bei seiner Arbeit helfen. Der Schamane hat auch zuweilen einen kleinen runden Spiegel auf seiner Brust, der Angriffe böser Geister durch Blendung abwehren soll. Außerdem soll der Spiegel Energie aus dem Universum fĂŒr den Schamanen einfangen. Schamanen haben oft einen langen Stock dabei, der das Pferd oder ein anderes Tier, auf dessen RĂŒcken er in andere Welten reist, symbolisiert. Manchmal haben Schamanen auch einen FĂ€cher, um damit Geister abzuwehren. In seltenen FĂ€llen nutzen Schamanen neben der Trommel auch andere Musikinstrumente oder Masken.cite-ref-stewart-6-18[6]

„Der Höhepunkt der SchamanentĂ€tigkeit ist der Schamanenkampf zwischen einem guten/weißen und einem bösen/schwarzen Taltos (Name der Schamanen bei den frĂŒhen Ungarn), die beide in der Gestalt eines Stieres erscheinen. Der weiße Taltos erbittet in seiner Furcht vor dem Kampf menschliche Hilfe. Sie wird ihm gegeben und besteht im Durchschneiden der Sehnen des Gegners. Hier zeigt sich eine AusprĂ€gung des dunklen Weltaspektes. Der gute Taltos kĂ€mpft entweder gegen eine Krankheit, um eine Abwehr einer Naturkatastrophe oder fĂŒr gĂŒnstiges Wetter.“cite-ref-13[13]

Schamanentrommel und Halluzinogene

Wenn ein anderer Bewusstseinszustand vonnöten ist, hat der Schamane eine Vielzahl von Hilfsmitteln. Meistens benutzt er mehrere dieser Hilfsmittel gleichzeitig. Bei einem Ritual ist die AtmosphĂ€re, die ihn umgibt, von großer Wichtigkeit. Viele Geister sind nachts stĂ€rker als tagsĂŒber. Die ihn umgebenden Menschen können seine Gebetsformeln laut wiederholen und ihm damit helfen. Kreisförmige GemeinschaftstĂ€nze können ebenfalls Energie herbeiholen oder den Schamanen in andere Welten befördern.

Das wichtigste Instrument fĂŒr die Trance ist die Schamanentrommel. Der sich immer wiederholender Rhythmus des Trommelns in einer bestimmten Frequenz kann tatsĂ€chlich hypnotische ZustĂ€nde auslösen. Die Trommel wird meist auf der Höhe des Kopfes oder des Oberkörpers gehalten, die Vibrationen des Trommels wirken somit stĂ€rker auf den Körper ein.

Schamanen verwenden oft alkoholische GetrĂ€nke oder Tabak. FĂŒr deren Genuss unterbrechen sie ihr Trommeln. Der als halluzinogen geltende Rauch mancher Pflanzen wie z. B. der des Wacholders wird ins Gesicht gepustet und eingeatmet. Daher gilt Wacholderrauch als heilig. Man glaubt, dass er das Windpferd stĂ€rkt und die Geister erfreut. Ein Hilfsmittel ist zudem der Fliegenpilz. Der Schamane isst die getrockneten Pilze wĂ€hrend der kurzen Unterbrechungen in seinem Ritual.

Das Erklimmen des Weltenbaumes ist einer von mehreren Wegen, die in die Ebenen des Himmels fĂŒhren. Der Weltenbaum hat neun Äste. Der Schamane stimmt beim Erklimmen des Baumes einen Obertongesang an. Bei jedem Ast, den er erklommen hat, erhöht er die Fußnote seines Gesanges.cite-ref-stewart-6-19[6]

Tengrismus heute

Seit dem Zerfall der Sowjetunion wuchs das Interesse der Turkvölker Zentralasiens an ihrer Vergangenheit und damit auch am Tengrismus. Dies wurde in den 1990ern vor allem in Tatarstan und Russland und kurz danach auch in Kirgisistan deutlich, wo eine rituelle Revitalisierung des Tengrismus einsetzte. Zuerst war von Bizneng-Yul (tatar. Unser Weg) und spĂ€ter von Tengirchilik (Tengrismus) die Rede. Mit der Zeit wurde die Bewegung institutionalisiert und organisiert. So entstand 1997 die tengristische Gesellschaft in Bischkek; ihr gehören rund 500.000 Mitglieder an. Die Tengir-Ordo Foundation ist ein internationales Zentrum zur Erforschung des Tengrismus. Beide Organisationen werden von dem kirgisischen Parlamentsabgeordneten Dastan Sarygulov geleitet. Diese Bewegung trug mit einer AufklĂ€rungskampagne dazu bei, dass auch in Kasachstan und anderen Turkrepubliken Interesse am Tengrismus erwachte. Die MinisterprĂ€sidenten Kasachstans und Kirgisistans, Nursultan Nasarbajew und Askar Akajew, bezeichneten seitdem den Tengrismus wiederholt als den natĂŒrlichen und nationalen Glauben aller Turkvölker.cite-ref-14[14]

HĂ€ufig geht mit dem modernen Tengrismus eine Kritik an den abrahamitischen Religionen, besonders dem Islam, einher und Tengristen rufen zum Bekenntnis ethnischer Religionen auf. Andere verstehen den Islam als eine WeiterfĂŒhrung des Tengrismus und argumentieren, dass Allah nur ein anderer Name fĂŒr Tengri sei. Tengristen wie Sarygulov kritisierten allerdings das anthropomorphe Gottesbild des Islams und des Christentums: Durch die Behauptung Gott habe die Gestalt eines Menschen angenommen (Christentum) oder seine Botschaften durch einen Menschen offenbart (Islam), wĂ€re die Rolle des Menschen in der Natur verzerrt worden. Die Natur mĂŒsse als einzige legitime Quelle zur Erkenntnis des Göttlichen gelten. Moderne Tengristen lehnen die Vorstellungen von Propheten, religiöse Dogmen, heiligen Schriften und den Anthropozentrismus ab. Stattdessen wird ein Ökozentrismus befĂŒrwortet. Soziale Strukturen sollen nicht durch Institutionen, sondern durch Moral und SpiritualitĂ€t geregelt werden. Die Globalisierung wird von Tengristen unterschiedlich bewertet: WĂ€hrend manche AnhĂ€nger eine Standardisierung der Menschen befĂŒrchten, und meinen mit der Globalisierung ginge auch immer eine Amerikanisierung einher, glauben andere AnhĂ€nger, der Tengrismus wĂŒrde sich gut in einer globalisierten Welt eingliedern können.

In der Mongolei heißt die Organisation des Tengrismus Golomt Center for Shamanist Studies. Diese Organisation wendet sich etwa durch ihre englischsprachige Internetseitecite-ref-15[15] auch an die westliche Welt; damit ist die Hoffnung verbunden, den Tengrismus auch im Westen zu verbreiten. Einige der antreibenden KrĂ€fte dabei sind z. B. Sendenjaviin Dulam oder Schagdaryn, die weltweit VortrĂ€ge ĂŒber den Tengerismus halten und sich fĂŒr Interviews zur VerfĂŒgung stellen.cite-ref-16[16]

Die Verwendung von tengristischen Symbolen wie etwa die himmelblaue Farbe oder die Abbildungen von alten Totemtieren scheinen in Zentralasien als nationale oder panturkistische Symbole wieder an PopularitÀt zu gewinnen.

Bei den Jakuten ist eine moderne Version des Tengrismus verbreitet, die sie Ayy nennen.

Forschung

Die Erforschung des Tengrismus gestaltet sich schwierig, weil die tengristischen StĂ€mme nomadisch lebten, stĂ€ndig fremden EinflĂŒssen ausgesetzt waren und bis zum 6. Jahrhundert kaum schriftliche Zeugnisse auf lange haltbaren Stoffen hinterließen. Ab dem 6. Jahrhundert sind etliche alttĂŒrkische Inschriften auf Steintafeln erhalten. Sie geben Aufschluss darĂŒber, was die alten TĂŒrken geglaubt haben. Erkenntnisse ĂŒber den Tengrismus vor dem 6. Jahrhundert mĂŒssen aus der frĂŒhen Literatur jener Kulturen gewonnen werden, die im Laufe ihrer Geschichte mit tĂŒrkischen Völkern in Kontakt gekommen waren und dies schriftlich festhielten. Dazu gehören chinesische, persische oder arabische Quellen. In den meisten dieser Quellen zeigt sich das UnverstĂ€ndnis der Schreiber ĂŒber den fremden Glauben. Die Tengristen werden zum Beispiel als ungeheuerliche Barbaren in Hundegestalt dargestellt, die seltsame, gotteslĂ€sternde Dinge tun.cite-ref-laut-7-2[7]

MahmĆ«d al-KāschgharÄ« verfasste mit dem Divan LĂŒgat-ĂŒ TĂŒrk im 11. Jahrhundert ein tĂŒrkisches Wörterbuch, in dem er den Ursprung tĂŒrkischer Wörter erklĂ€rte. Darin sind auch sehr viele wertvolle Informationen ĂŒber den vorislamischen Glauben der TĂŒrken enthalten. Er empört sich zwar in seinen Formulierungen immer wieder ĂŒber die „UnglĂ€ubigen“, aber sein Werk gilt bis heute als eine der zuverlĂ€ssigsten Quellen bei der Erforschung des Tengrismus.

Monotheismus-Theorie

Ob der Tengrismus als monotheistische Religion angesehen werden kann, ist umstritten. Denn es ist kaum zu entscheiden, ob die alten TĂŒrken mit dem Wort Tengri Gott oder Himmel meinten, wenn sie es in Bezug auf andere heilig geglaubte MĂ€chte verwendeten, als in Bezug auf den Himmelsgott selbst. Beide ErklĂ€rungen wĂ€ren mit jeder Überlieferung vereinbar und wĂŒrden einen Sinn ergeben.

Demnach gibt es unterschiedliche Auffassungen:

‱ Aus der Verehrung Tengris wird eine monotheistische Religion abgeleitet. Jean Paul Roux fĂŒhrt dazu jedoch aus: „In der alten Religion der TĂŒrken, die betont monotheistisch war, erscheint deutlich auch ein Polytheismus. 
 In der Tat steht Tengri, der Himmelsgott, in enger Beziehung zum Herrscher, seinem Stellvertreter auf Erden und sogar zu seinem Sohn. Obwohl er pantĂŒrkisch ist, erscheint er als nationaler und kaiserlicher Gott.“cite-ref-17[17]

‱ Es gab Schamanismus, Kult um HeiligengrĂ€ber, heilige Orte, Glaube an DĂ€monen und Geister. In einem tĂŒrkische Abstammungsmythos gehen die ersten TĂŒrken aus einem Wolfspaar hervor.cite-ref-18[18]

‱ Nach Ansicht von Walther Heissig und anderen Autoren gab es in der Mongolei ein hierarchisches System mit ĂŒber 100 Göttern,cite-ref-heissig-4-1[4] an deren Spitze der Qormusta Tengri steht. Dies wĂŒrde der Monotheismus-Theorie zunĂ€chst widersprechen, aber nicht ausschließen, dass sich in einigen Regionen ein monotheistischer Tengrismus entwickelt hat.

Literatur

‱ Rafael Bezertinov: Tengrianizm: Religion of Turks and Mongols, Kapitel „Deities“. Nabereschnyje Tschelny, 2000, S. 71–95. Wiedergegeben im „Uysal–Walker Archive of Turkish Oral Narrative“
‱ Ágnes Birtalan: Die Mythologie der Mongolischen Volksreligion. Stuttgart 2000.
‱ Walther Heissig, Giuseppe Tucci: Die Religionen Tibets und der Mongolei (= Die Religionen der Menschheit. Band 20). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1970, DNB 457921137.

‱ Englisch: The religions of Mongolia. Routledge & Kegan Paul, London / Henley, 1980, ISBN 0-7103-0685-7.

‱ Pertev N. Boratav: Die tĂŒrkische Mythologie der Oghusen und TĂŒrken Anatoliens, Aserbaidschans und Turkmenistans. In: Hans Wilhelm Haussig, Egidius Schmalzriedt (Hrsg.): Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker. Band 7). Teilband 1, Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-12-909870-4, S. 279–481.
‱ GĂŒnter Lanczkowski: Mongolische Religion. In: Theologische RealenzyklopĂ€die (TRE). Band 23, de Gruyter, Berlin / New York 1994, ISBN 3-11-013852-2, S. 209–211.
‱ Marlùne Laruelle: Religious revival, nationalism and the 'invention of tradition': political Tengrism in Central Asia and Tatarstan. In: Central Asian Survey, Band 26, Nr. 2, 2007, S. 203–216
‱ Peter Laut: Vielfalt tĂŒrkischer Religionen. In: Spirita 10 (1996), S. 24–36; UniversitĂ€t Freiburg (pdf; 2,7 MB)
‱ Bruno J. Richtsfeld: Rezente ostmongolische Schöpfungs-, Ursprungs- und WeltkatastrophenerzĂ€hlungen und ihre innerasiatischen Motiv- und Sujetparallelen. In: MĂŒnchner BeitrĂ€ge zur Völkerkunde. Jahrbuch des Staatlichen Museums fĂŒr Völkerkunde MĂŒnchen 9 (2004), S. 225–274.
‱ Andras Rona-Tas: Materialien zur alten Religion der Turken. In: Walther Heissig, Hans-Joachim Klimkeit (Hrsg.): Synkretismus in den Religionen Zentralasiens. Ergebnisse eines Kolloquiums vom 24.5. bis 26.5.1983 in St. Augustin bei Bonn (= Studies in oriental religions, 13). Harrassowitz, Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02620-0, S. 33–45.
‱ Jean-Paul Roux: Die alttĂŒrkische Mythologie. In: Hans Wilhelm Haussig, Egidius Schmalzriedt (Hrsg.): Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker. Band 7). Teilband 1, Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-12-909870-4, S. 173–278.
‱ Jean-Paul Roux: TĂ€ngri. Essai sur le ciel-dieu des peuples altaĂŻques. In: Revue de l’histoire des religions. 149 (1956), S. 49–82, 197–230; 150 (1956), S. 27–54, 173–212; 154 (1958), S. 32–66.
‱ Jean-Paul Roux: Art. Tengri. In: Encyclopedia of Religion, Bd. 13, S. 9080–9082.
‱ Heinrich Werner: Die Glaubensvorstellungen der Jenissejer aus der Sicht des Tengrismus (= Societas Uralo-Altaica: Veröffentlichungen der Societas Uralo-Altaica, 73). Harrassowitz, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05611-3.

Weblinks

‱ The God of Turks. ethnikoi.org, archiviert vom Original am 1. August 2007; abgerufen am 29. November 2017 (englisch).

Einzelnachweise

cite-note-11. Vergleiche dazu auch die Darstellung im „Internet Sacred Text Archive Home“, abgerufen am 29. November 2017. Parts of a story of a world picture: Siberian world picture ? Niels Bohr Institute, Kopenhagen, 1996, abgerufen am 29. November 2017. Mit Verweis auf: Gerhard J. Bellinger: Mytologisk Leksikon. Übersetzt von JĂžrgen Hansen. Gyldendal, Kopenhagen, 1993, ISBN 87-00-09996-1, S. 349 (deutsch: Knaurs Lexikon der Mythologie: 3100 Stichwörter zu den Mythen aller Völker von den AnfĂ€ngen bis zur Gegenwart. Droemer Knaur, MĂŒnchen, 1989, ISBN 978-3-426-26376-1).
cite-note-22. ↑ Robert A. Saunders, Vlad Strukov: Historical Dictionary of the Russian Federation. Scarecrow Press, Lanham 2010, ISBN 978-0-8108-5475-8, S. 412f (bei Google Books)
cite-note-33. ↑ Walther Heissig: Fragen der mongolischen Heldendichtung. Otto Harrassowitz Verlag, 1992, S. 85 Klaus Hesse: On the History of Mongolian Shamanism in Anthropological Perspective. In: Anthropos. 82 (4–6), 1987, S. 403–413. JSTOR 40463470
cite-note-heissig-44. ↑ Walther Heissig, Geoffrey Samuel (Übersetzer): The Religions of Mongolia (1980 [1970]), 49ff.
cite-note-55. ↑ John Man: Genghis Khan: Life, Death and Resurrection. Bantam Press, London 2004, ISBN 978-0-553-81498-9, S. 402–404.
cite-note-stewart-66. ↑ Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101). Golomt Center for Shamanist Studies, Ulaanbaatar, Mongolei, 3. Oktober 1997 (englisch)
cite-note-laut-77. ↑ Peter Laut: Vielfalt tĂŒrkischer Religionen. Spirita 10 (1996), S. 24–36; Albert-Ludwigs-UniversitĂ€t Freiburg (PDF; 2,8 MB).
cite-note-88. ↑ Stefan Georg: tĂŒrkisch/mongolisch tengri, ‚Himmel, Gott‘ und seine Herkunft. In: Studia Etymologica Cracoviensia, 6, Krakau 2001, S. 83–100, abgerufen am 29. November 2017 (pdf, 14,3 MB).
cite-note-99. ↑ Julie Stewart: A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101, Abschnitt The Shaman
cite-note-102. Jean-Paul Roux: Die alttĂŒrkische Mythologie. S. 255.
cite-note-1111. ↑ Zone Bulgaria: Tangrist sanctuaries. (Memento des Originals vom 27. Januar 2007 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/en.zonebulgaria.com Alexander Tour Company Ltd.: Zone Bulgaria, abgerufen am 29. November 2017 (englisch).
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cite-note-1313. ↑ Michael de Ferdinandy: Die Mythologie der Ungarn. In: Norbert Reiter (Hrsg.): Wörterbuch der Mythologie, Band 2. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, ISBN 978-3-12-909820-2, S. 212. Zitiert nach: Sigurd Mussak: Von den Magyaren. (pdf, 226 kB) 19. MĂ€rz 2005, S. 6, archiviert vom Original am 30. September 2007; abgerufen am 29. November 2017.
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cite-note-1515. ↑ Practicing Tengerism. Archiviert vom Original am 12. MĂ€rz 2017; abgerufen am 29. November 2017 (englisch).
cite-note-1616. ↑ Kai Ehlers: Globalisierung Ă  la Tschingis Chan? Ein GesprĂ€ch mit Prof. Dr. Schagdaryn Bira in Ulanbator uber die Bedeutung des mongolischen Tengerismus fur die Globalisierung. (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive) Eurasisches Magazin vom 25. September 2003.
cite-note-1717. ↑ Jean Paul Roux: AlttĂŒrkische Mythologie. S. 213.
cite-note-1818. ↑ Marion Linska, Andrea Handl, Gabriele Rasuly-Paleczek: Skriptum EinfĂŒhrung in die Ethnologie Zentralasiens. (Memento vom 9. September 2006 im Internet Archive) (PDF; 634 kB) UniversitĂ€t Wien, 2003; S. 109–110; mit Verweis auf Wolfgang Ekkehard Scharlipp: Die frĂŒhen TĂŒrken in Zentralasien. Eine EinfĂŒhrung in ihre Geschichte und Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-11689-5, S. 57.